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7. September 2020 1 07 /09 /September /2020 18:12

Teil I

Teilweise so verschwommen wie das durchlöcherte Strohdach meines von heftigen Regenfällen lädierten Lehmhauses auf dem Foto: meine Erinnerungen an den Anfang des vergangenen Schuljahrs. 

Die Fotos - erst vor ein paar Tagen, 11 Monate danach, habe ich sie wieder angeschaut-, sie helfen mir, die Ereignisse mit etwas Abstand zu betrachten.

Viel Arbeit, um die Schule "in Schuss" zu bringen, ein kleines Zimmer (Ersatz für's Lehmhaus) für mich, weil ich gern in der Schule übernachte, wenn "es los geht".

 

Probleme, den Schulbus durch das provisorische Tor aus dem Schulhof zu manövrieren, aber bravo, mit Helfern, improvisierten Hilfsmitteln und Geschick des Fahrers (wieder mal Lamine/Pierre, unser "Mann für alles" am Steuer) ist es ohne Schaden gelungen.

 

 

Dann mussten zwei neue Lehrkräfte gefunden werden, für die neue Klasse und als Ersatz für den Lehrer der zweiten Klasse, der nach Dakar gezogen war. Auch eine zusätzliche Kindergärtnerin und einen neuen stellvertretenden Direktor konnten wir rechtzeitig vor Schulanfang engagieren.

Ja, es hatte vielversprechend angefangen, dieses Schuljahr 2019-2020: so viele Anmeldungen wie noch nie, sogar Kinder von Lehrern anderer Schulen.

Die Eltern zahlen eine einmalige Anmeldesumme (Kiga 5€, Grundschule 7,50€), eine Monatsgebühr im voraus (Kiga 3,80€, Grundschule 5€ und soweit sie neu an der Schule sind noch eine Beteiligung an den Kosten der "Schuluniform" (bei uns nur eine Art Kittelschürze 2, bzw 3€).                                                                                              Das sind hier sehr niedrige Gebühren, die für die meisten Familien in unserem Umfeld erschwinglich sind; bei mehreren Kindern und bedürftigen Familien gibt es Ermäßigung oder Patenschaft.

Der ungewöhnliche Andrang und die Vorstellung von großen Einkünften hat leider schlimme Begehrlichkeiten erweckt.

So kam es dazu, dass ich am 11. Oktober gegen 2 Uhr morgens durch ein Krachen an der Tür aus dem Schlaf gerissen und von vier vermummten, mit langen Eisenrohren bewaffneten Männern bedroht wurde, die meine Rufe nach dem Wächter augenblicklich stoppten und Geld ("l'argent, l'argent!!!) forderten.

Trotz des Schreckens wollte ich besonders schlau sein und sagte, mein Mann habe es mitgenommen. Es hat mir augenblicklich leid getan und ich wusste, dass der Schlag, der meinen Arm brach, "nur" eine Warnung war. In der Tasche, dessen "Versteck" ich darauf sofort gezeigt habe, waren etwa 600€. Das Geld hat uns verflixt in den nächsten Tagen gefehlt (danach haben Spenden uns ausgeholfen, 1000 Dank dafür!), aber ich war heilfroh, mich damit aus dieser lebensbedrohlichen Situation befreien zu können.

Ich bin sehr glücklich, dass meine Nerven standgehalten haben, und dass meine Angreifer doch noch die moralische Bremse hatten, nicht bis zum Äußersten zu gehen (zeitweise bedrohte mich der "Schläger" direkt am Nacken, hat mir aber "nur" noch einen Schlag auf das rechte Bein, etwas oberhalb des Knies, versetzt). Nachdem sie das Geld in der Tasche gefunden hatten, verschwanden sie schnell und lautlos...

Seltsamerweise sind die beiden darauf folgenden Wochen schlimmer in meiner Erinnerung als diese Nacht, die etwas Irreales, Albtraumhaftiges behält: das kann mir doch nicht passiert sein!                            

Abschied, Foto so verschwommen wie meine Erinnerung

Krankenhaus: warten, warten warten... Operation? aber bitte nicht in Kaolack, provisorischer Gips, hin und her zu Polizei, Krankenhaus, von Klinik zu Klinik als ich es nicht mehr aushalten kann, schließlich Hilfe in Dakar: ein genialer Arzt bringt meine beiden Knochenteile wieder zusammen, ohne Operation, nur durch "Manipulation" im wahren Sinn des Wortes! Sehr schmerzhaft, aber meine Finger bewegen sich wieder! Gips für 5 Wochen... Ich bin so erleichtert. Meine Dankbarkeit diesem Mann gegenüber ist größer und bleibender als die Wut über den Überfall und alles, was danach so schlecht gelaufen ist!

Verwüstetes Büro- hier wurde zuerst nach Geld gesucht-, Elisas teurer Fotoapparat und mein Pass verschwunden, Autopanne, mit Bus und Taxis hin und her zwischen Kaolack und Dakar, Schmerzen und Stress...

Zwei Wochen nach dem Schrecken endlich mein Rückflug, Ruhe, wieder Krankenhausbesuch, diesmal Colmar... und aus den angesagten 5 Wochen werden  eine lange, immer wieder bis schließlich 15 Wochen verlängerte Frist, bevor mein Arm endgültig "befreit" wird, nachdem mein Schultergelenk mir schon viele schlaflose Nächte beschert hat...

Kaum hat meine Physiotherapie begonnen, beginnt auch schon das nächste - diesmal für die ganze Welt - unglaubliche Kapitel: Corona - Pandemie....

 

 

 

 

 

 

Teil II

Nun saß ich zu Hause fest, ausgerechnet in der damals am schlimmsten betroffenen Region Frankreichs, nahe bei Mulhouse. Isolation für alle, keine Physiotherapie mehr, ob Schmerzen oder nicht.

Weit davon entfernt, vor Schuljahrsende nach Kaolack zu reisen, war mir auch der Weg nach Deutschland verwehrt, und vom Haus durfte ich mich - wie alle Franzosen - nur mit schriftlicher Erklärung für 1 Std 1km weit entfernen (außer Arzttermin).

 

 

Zum Glück hat es im Garten schön geblüht wie immer im Frühling, und statt Gästen leisteten mir Tomatensetzlinge Gesellschaft.

 

Während ich aber zuerst wegen Gipsarm, dann auf Grund von Corona-Maßnahmen in Europa zu Hause saß, musste unser Zentrum in Kaolack natürlich weiter "funktionieren".

Ja, dank Pierre, der vor Ort geblieben ist, und unseres motivierten Personals geht der Schulbetrieb seinen gewohnten Gang, was mich sehr beruhigt... und meine Sehnsucht wieder weckt.

 

 

 

"Nebenher" können dank der Unterstützung durch die Stiftung Brücke aus Emmendingen unser Atelier und der Verkaufskiosk im Kunsthandwerkerdorf fertig ausgestattet werden, sodass eine offizielle Eröffnung für Ende März geplant ist....                                                                                                                                     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.... jedoch Mitte März

ist auch im Senegal Corona angekommen,

Schulen und Ausbildungsstätten werden sofort geschlossen, und strenge Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie getroffen. Von Touristen ist nicht mehr zu träumen, unsere Einladungen zur Eröffnung enden in einer Schublade ... vorläufig, denn mit dem neuen Schuljahr soll auch dieses Projekt endlich starten.

So ging wie in vielen Ländern auch unser Schuljahr im Senegal sang- und klanglos zu Ende. Unsere Schüler wurden vom Staat mit Fernseh- und Radiosendungen versorgt, um sie zu Hause zum Weiterlernen anzuregen.

Was daraus geworden ist, werden wir bald erfahren, wenn Mitte November das nächste Schuljahr beginnt.  Unterricht per Internet wäre nur wenigen Schülern zu nutzen gekommen, Ferienkurse sind wiederholt ausdrücklich verboten worden.

Die Ausgangssituation für das Schuljahr 2020-2021 ist nicht sehr gut, aber so geht es allen.

Statt Hände ringend über die "schlimmen Lernlücken" zu jammern, wie es Lehrer gern tun (ich weiß es aus Erfahrung), möchte ich auf die Intelligenz unserer Schüler bauen und unsere Lehrer dazu motivieren, mit Erfindergeist und Energie die "verlorene" Zeit wett zu machen.

 

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